Mit der Ausstellung „Hanna Nagel“ (1907–1975) widmet sich die Kunsthalle Mannheim einer Künstlerin, die in der Kunstgeschichte zwar keine gänzlich Unbekannte ist, deren Werk bislang jedoch kaum ausgestellt wurde. Nicht zuletzt, weil sich ein großer Teil des umfangreichen zeichnerischen Œuvres in Privatbesitz befindet. So ist die aktuelle Ausstellung ein wichtiger Schritt für die Wiederentdeckung dieser herausragenden Position. Insgesamt präsentiert die Kunsthalle ca. 190 Arbeiten auf Papier – bisher kaum öffentlich gezeigte Leihgaben aus Privatbesitz – , ergänzt um Hanna Nagels singuläres Selbstbildnis in Öl aus dem Jahr 1929 sowie um die 13 Werke aus dem Besitz des Museums. Gezeigt werden zum Teil noch unbekannte Arbeiten des neusachlichen Frühwerks aus den späten 1920er- und frühen 1930er- Jahren, aber auch eine Auswahl aus den „Dunklen Blättern“ der Jahre 1932 bis 1945. Nagel hat sich intensiv und differenziert mit dem Verhältnis zwischen Mann und Frau, Rollenbildern sowie der Lebenssituation im Konflikt zwischen Berufstätigkeit und Mutterschaft auseinandergesetzt. Sie behandelt in ihrem Werk gesellschaftsrelevante Fragen, die zeitlos und noch heute brisant sind. Dabei beleuchtet sie ein Phänomen differenziert und aus verschiedenen Perspektiven, nie sind die Opfer- und Täterrolle nur einem Geschlecht zugeordnet.

Hanna Nagel ist durch Ausstellungen und Ankäufe in der Geschichte der Kunsthalle verankert und so kann auch ein Stück Museums- und Sammlungshistorie erzählt werden, denn bereits 1931 hatte der damalige Direktor Gustav F. Hartlaub der jungen Künstlerin eine Schau gewidmet. Wie zeitlos ihr pointierter Blick auf die damalige Gesellschaft und ihre Sicht auf Geschlechterrollen bis heute ist, zeigt die aktuelle Ausstellung.

Hanna Nagel ist durch Ausstellungen und Ankäufe in der Geschichte der Kunsthalle verankert und so kann auch ein Stück Museums- und Sammlungshistorie erzählt werden, denn bereits 1931 hatte der damalige Direktor Gustav F. Hartlaub der jungen Künstlerin eine Schau gewidmet. Wie zeitlos ihr pointierter Blick auf die damalige Gesellschaft und ihre Sicht auf Geschlechterrollen bis heute ist, zeigt die aktuelle Ausstellung.

Motivschatz Paarbeziehung, Frauenbild und Mutterschaft
Neben den frühen Studienblättern, in denen sich Hanna Nagel intensiv mit der Situation an der Kunstakademie beschäftigt, werden der kritische Blick der Künstlerin auf Menschen und Gesellschaft, ihre Selbstdarstellung, ihre Sicht auf das Verhältnis der Geschlechter – im Zentrum vieler Arbeiten steht das Thema Machtmissbrauch und Gewalt zwischen Mann und Frau – , ihre Auseinander- setzung mit Mutterschaft und schließlich ihre Überführung dieser Grundthemen in eine symbolhaft-mythologische, traumhafte Bildsprache beleuchtet.

Die „Dunklen Blätter“: Tod, Mythos, Traum
In den frühen 1930er-Jahren ändert sich Hanna Nagels Stil. Die Künstlerin entfernt sich von dem strengen neu-sachlichen Zeichenstil, die mit Pinsel und Feder in schwarzer Tusche aus-geführten Arbeiten werden formal komplexer und malerischer. Mit Aufenthalten in Rom 1933/34 und 1935/36 nahmen die poetische Mystifizierung der Themen und der Rückgriff auf historisierende Motive zu. Der opti-che Eindruck dieser sogenannten „Dunklen Blätter“ entsprach ganz den gewählten Themen, die stark symbolhaft aufgeladen waren und in denen die Künstlerin eine Traumwelt visualisiert, die den Nationalsozialisten keinen Anlass zur Brandmarkung als „entartete Kunst“ bot.

Frühe Erfolge
Hanna Nagel, 1907 in Heidelberg geboren, beginnt im Oktober 1925 ihr Studium an der Badischen Landes- kunstschule in Karlsruhe, damals ein Zentrum der „Neuen Sachlichkeit“ mit Strahlkraft über den süddeutschen Raum hinaus. Sie studiert zunächst bei Wilhelm Schnarrenberger, Karl Hubbuch und Hermann Gehri und wird schließlich 1927 Meisterschülerin von Walter Conz in der Graphikklasse. Später wechselt sie, gemeinsam mit ihrem späteren Ehemann Hans Fischer, an die Vereinigte Staatsschulen für freie und angewandte Kunst Berlin in die Meisterklasse von Emil Orlik. Ihre erste Ausstellung hat sie 1930 im Kunstverein Heidelberg, gefolgt von der Ausstellung in der Kunsthalle Mannheim im darauffolgenden Jahr. Vor dem Zweiten Weltkrieg erhält sie zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem den Rom-Preis 1933. Noch bis 1944 kann sie – oft gemeinsam mit ihrem Mann – regelmäßig an Ausstellungen teilnehmen.

Nach 1945 gelingt es Hanna Nagel jedoch nicht, ihre künstlerische Karriere fortzuführen. Sie trennt sich von Hans Fischer und zieht die 1938 geborene Tochter Irene allein groß. Ihren Lebensunterhalt verdient sie unter anderem mit Gebrauchsgraphik, Buchillustrationen und Zeichenunterricht. 1975 stirbt Hanna Nagel in ihrem Geburtsort Heidelberg. Ihre Wiederentdeckung setzte erst nach ihrem Tod im Jahr 1975 ein, doch eine wissenchaftliche Würdigung ihres gesamten Schaffens steht bis heute aus.