Holz ist nicht einfach tote Faser. In jedem Baum ist auch ein Stück Geschichte des Erdklimas eingeschrieben. Bäume archivieren jede noch so kleine Veränderung der Umwelt und notieren, was der Mensch auf Erden tut. Aber seitdem wir den Wald als Ware deklariert haben, übersehen wir, dass Bäume nicht nur Brenn- und Baustoff liefern, sondern vielmehr die wesentliche Grundlage unserer Atmosphäre bilden.

Die Ausstellung Seeing the Wood for the Trees im Kunsthaus Hamburg zeigt drei Teile aus dem umfangreichen Rechercheprojekt Cambio des italienischen Designduos Formafantasma, das für die Serpentine Galleries, London entstanden ist. In From von filmisch collagierten Bildessays zeichnen sie darin die Entwicklung und Regulierung der globalen Holzindustrie nach, die im 19. Jahrhundert vor allem in den kolonialisierten Regionen entstand. Die Erfassung von Natur als Rohstoff und Handelsware sowie die Beziehung des Menschen zu seinem ökologischen Lebensraum wird hier im Spiegel historischer, wissenschaftlicher und dokumentarischer Fotografien, Filmausschnitte und Textquellen beleuchtet.

Die beiden filmischen Essays Cambio, 2020 und der für die Ausstellung titelgebende Seeing the Wood for the Trees, 2020 machen deutlich, welche Rolle internationale Regularien und Behörden bei der Kontrolle der Holzindustrie spielen und welche Bedeutung diese für die globale Klimakrise haben. Die Arbeiten gehen der Frage nach, wie ein weitreichenderes Verständnis von Materialität einen nachhaltigen Gestaltungsanspruch bedingen und unsere Beziehung zur Umwelt beeinflussen kann. Dabei ziehen die Filme eine Verbindungslinie von der Naturbeschaffenheit des Holzes zu ihren abstrakten, aber allgegenwärtigen Implikationen von Ausbeutung, Kolonialismus und Konsumkultur.

Ein zusätzlicher, rein mit Lasertechnologie erzeugter Film (Quercus, 2020) entstand in Zusammenarbeit mit dem Philosophen Emanuele Coccia. Aus der Perspektive des Waldes stellt er mit seinem philosophischen Narrativ das menschliche Überlegenheitsgefühl in Frage und beschreibt vielmehr, wie vielfältig die Abhängigkeit des Menschen selbst von den Bäumen ist. Der Laserscanner, mit dem das visuelle Material dieser Arbeit erstellt wurde, diente ursprünglich der Kartografie und Archäologie, wird neuerdings aber auch zur selektiven Rodung in der Holzindustrie eingesetzt. Der Film lässt den Zuschauer in einer audiovisuellen Installation immersiv in die Welt der Pflanzen eintauchen.

Formafantasma ist ein forschungsorientiertes Designstudio, das die ökologischen, historischen, politischen und sozialen Faktoren untersucht, die heute im Bereich des Designs prägend sind. Sowohl für Auftragsarbeiten als auch bei selbst initiierten Projekten gilt ihre Aufmerksamkeit sowohl der Kontextrecherche, dem Prozess als auch dem Detail. Sie entwickeln Gestaltungskonzepte gleichermaßen wie Produkten und Strategien. Seit der Gründung des Studios im Jahr 2009 sehen sich die Italiener Andrea Trimarchi und Simone Farresin einem verantwortungsvollen Bewusstsein verbunden und verfolgen einen ganzheitlichen Ansatz des Designthinking.

Formafantasma, Quercus, 2020, video still
20.05. - 31.07.2022

Formafantasma: Seeing the woods for the trees

Kunsthaus Hamburg

Klosterwall 15
20095 Hamburg