Neue Wahrheit? Kleine Wunder! Die frühen Jahre der Fotografie zeigt rund 250 Exponate aus einer westfälischen Privatsammlung, die erstmals in dieser umfangreichen kulturhistorischen Ausstellung präsentiert wird. Alte Fotografien, optische Schaustücke und Apparaturen sowie seltene Dokumente erzählen nicht nur von der Geburtsstunde der Fotografie, sie vermitteln ebenso die Vorgeschichte der maßgeblichen Erfindungen und Entdeckungen. 

Die Präsentation führt zunächst anhand von Einzelstücken in das 17. und 18. Jahrhundert zurück. Das von vielen Künstlergenerationen genutzte Hilfsmittel der Camera Obscura, Schattenrisse und Silhouetten, Kulissenbilder und Guckkästen illustrieren eindrücklich die Sehnsucht nach realitätsnahen optischen Illusionen, die sich vor allem im Zeitalter der Aufklärung artikulierte. Bilder der Wirklichkeit blieben jedoch flüchtige Erscheinungen bis der Maler Louis Mandé Daguerre (1787–1851) im August 1839 in Paris seine Erfindung vorstellte, die es erlaubte, fotografische Aufnahmen auf versilberten Kupferplatten festzuhalten. Seine Entdeckung, die auf langjährigen Experimenten mit seinem Landsmann Joseph Nicéphore Niépce (1765–1833) fußte, löste Begeisterung aus und eroberte in Rekordzeit erst Frankreich und dann die ganze Welt. Die nach ihm benannten „Daguerreotypien“, unter dem Einsatz von Jod- und Quecksilberdämpfen hergestellte Unikate, bestachen durch ihre Schärfe und feine Tonwerte. Sie zeigten in ihrer detailgetreuen Wiedergabe der Natur eine neue Wahrheit und erschienen dem verblüfften Publikum wie kleine Wunder. 

Die hellglänzenden Kostbarkeiten wurden oftmals liebevoll mit der Hand koloriert, aufwändig gerahmt und zum Schutz der empfindlichen Oberfläche in Samtetuis aufbewahrt. Nicht nur in Frankreich etablierten sich schnell unzählige Fotoateliers, auch England, Deutschland und Amerika entwickelten sich zu Hochburgen der frühen Fotografie. Dies belegen zahlreiche Exponate aus diesen Ländern. Im Zentrum stand zunächst das fotografische Porträt, das es ermöglichte, seine Liebsten als „kleine Spiegel mit Gedächtnis“, teilweise in Schmuckstücke gefasst, dauerhaft bei sich zu tragen. 

Die Blütezeit der Daguerreotypie dauerte von 1842 bis 1855. Zeitgleich entwickelten sich weitere wegweisende fotografische Techniken. Dem englischen Fotopionier William Henry Fox Talbot (1800–1877) gelang es 1841 erstmals fotografische Bilder von einem Negativ auf Papier zu belichten und zu vervielfältigen. Das Ergebnis war zunächst weitaus kontrastärmer und daher leicht unscharf. Die Verwendung von mit speziellen Emulsionen überzogenen Glasplatten führte im Laufe der 1850er Jahre zu einfacheren Herstellungsverfahren und zu strukturlos scharfen Bildern. Bei der Ambrotypie wurde das auf Glas fixierte Unikat mit schwarzem Stoff hinterlegt. Silbereiweiße, Albumin, führten im Positivverfahren zu warmtonigen brillanten Bildern auf Papier. 

Neben den technischen Voraussetzungen und der besonderen Ästhetik historischer Aufnahmen, rückt die Präsentation die bevorzugten Motive der Fotografen und den sozialgeschichtlichen Umgang mit dem neuen Medium in den Blick. Die frühe Reisefotografie belegt das große Interesse an fernen Orten und fremden Kulturen, die Sozialfotografie lenkte den Blick auf die Lebensverhältnisse in den großen Metropolen. Ein besonderes Kapitel der Ausstellung widmet sich der Fotografie im Blickfeld der Karikaturisten, welche bereits 1839 die grassierende „Daguerreotypomanie“, den neuen Berufstand und seine Kundschaft sowie die Konkurrenz zwischen Malerei und Fotografie mit Hohn und Spott kommentierten Wie alle grafischen Medien unterlag die Fotografie Prozessen der Kommerzialisierung. Im lukrativen Porträtgeschäft ermöglichten Kameras mit mehreren Objektiven, kleine Porträtaufnahmen auf Papier. Diese von Fotopionier André Adolphe-Eugène Disdèri patentierte Carte de Visite wurde in den 1850er Jahren zum Kassenschlager. Ebenso populär waren die mit zwei Objektiven aufgenommenen Stereobilder, die, durch spezielle Stereoskope betrachtet, beeindruckend räumliche Bilder erzeugten. Die 1860 entwickelte Woodburytypie ermöglichte Verlagen, Fotografien, die bislang manuell in grafische Druckvorlagen übersetzt wurden, in hochwertiger Qualität zu drucken und diese in Sammeleditionen zu vermarkten. Ein Beispiel ist die bekannte „Galerie Contemporaine“, die in wöchentlichen Lieferungen 241 Porträts berühmter Franzosen veröffentlichte. 

Antoine Claudet, Mädchen mit Reifen, ca. 1854, Daguerreotypie, © Dr. Hans-W. Gummersbach
06.02. - 29.05.2022

Neue Wahrheit? Kleine Wunder! Die frühen Jahre der Fotografie

Kunstmuseum Ahlen

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