Wut im Blick, der Mund im Schrei verzerrt, zerstörerische Energie. In der linken Hand das Gewehr, in der rechten der bereits gezündete Molotow-Cocktail, den der Guerillakämpfer gleich mit voller Wucht ins feindliche Lager schleudern wird. Diese 1979 von Susan Meiselas in Nicaragua aufgenommene Fotografie ist über die Jahrzehnte zu einem internationalen Symbolbild gegen Unterdrückung und für Revolution geworden, festverankert im kollektiven Bildgedächtnis und massenhaft reproduziert als Graffiti, Poster oder T-Shirt. Was jedoch bleibt von der fotografischen Botschaft, wenn sich die Beziehung zwischen Fotografin, abgebildeter Person und Entstehungsgeschichte in der Kommerzialisierung des Bildes auflöst? 

C/O Berlin stellt mit der Retrospektive Susan Meiselas . Mediations das über 50 Jahre entstandene Werk der Magnum-Fotografin erstmals in Deutschland vor – von frühen Porträts ihrer direkten Umgebung über intime Aufnahmen von Stripperinnen bis zu ikonisch gewordenen Bildern aus Krisen- und Konfliktgebieten. Mit ihren oftmals als Langzeitstudien angelegten Arbeiten umfasst die US-Amerikanerin ein breites Spektrum an Themen und Ländern und erzeugt Aufmerksamkeit für Minderheiten und kriegerische Auseinandersetzungen, die von der Weltöffentlichkeit häufig übersehen werden. Heute gilt Meiselas als Wegbereiterin, nicht nur für politisch engagierte Fotograf*innen, welche die Hintergründe ihrer Bilder mit Sorgfalt dokumentieren, reflektieren und kontextualisieren, sondern auch für diejenigen, die einen kollaborativen Ansatz mit ihren Protagonist*innen verfolgen. 

In ihren Serien 44 Irving Street (1971) und Porch Portraits (1974) untersuchte Meiselas unterschiedliche Lebensrealitäten innerhalb der USA. Zwei Jahrzehnte nach dem Beginn der US-amerikanischen Bürger*innenrechtsbewegung veranschaulichen diese Arbeiten die fortbestehende Ungleichheit der Lebensverhältnisse. Ebenso einfühlsam, empathisch und interaktiv widmete sich Meiselas in ihrem fotografischen Essay Carnival Strippers (1972-1975) dem Alltag von Frauen, die als Striptease-Tänzerinnen ihr Geld auf Jahrmärkten im Nordosten der USA verdienten. In ihrer Langzeitstudie Prince Street Girls (1975-1992) begleitete sie das Heranwachsen einer Gruppe von Mädchen aus New York mit der Kamera. Mit Archives of Abuse (1991-1992) und A Room of Their Own (2015-2017) engagierte sich Meiselas gegen Gewalt im häuslichen und familiären Kontext. Mit dem Langzeitprojekt Kurdistan: In the Shadow of History dokumentierte sie ab 1991 den Genozid an der kurdischen Bevölkerung im Nordirak durch das irakische Regime unter Saddam Hussein und trug eine visuelle Dokumentation aus diversen historischen Materialien zusammen, die hundert Jahre der kurdischen Diaspora festhalten. 

Susan Meiselas sucht bis heute den direkten Kontakt und Dialog mit den Menschen. In ihrer kollaborativen Arbeitsweise bezieht sie stets die Perspektive der Porträtierten ein. Teilweise über Jahre hinweg führt sie visuelle Feldstudien, in denen die Fotografien selten für sich alleine stehen, sondern durch Interviews, Soundaufnahmen, Videos, Archivmaterial oder Notizen ergänzt werden. Diese Collagen zeigen nicht nur die Zusammenhänge hinter dem Abgebildeten, sondern laden ein zur Reflexion über die fotografische Praxis selbst, über Zeug*innenschaft und Hierarchien im fotografischen Akt ebenso wie über die Rezeption und Verbreitung von Bildern.

C/O Berlin präsentiert mit Susan Meiselas . Mediations die größte Retrospektive, die je in Deutschland gezeigt wurde. Die Ausstellung umfasst rund 250 Fotografien und Video-Installationen aus den 1970er-Jahren bis heute und wird von der Publikation Carnival Strippers Revisited im Steidl Verlag begleitet.