Eine eigenwillige Künstlerin auf der Schwelle zur Abstraktion stellt das Edwin Scharff Museum in Neu-Ulm vor: Jacoba van Heemskerck (1876–1923). In weniger als zwei Jahrzehnten schuf sie ein kompromisslos eigenständiges Werk.

Die niederländische Malerin gehörte zwischen 1914 und 1923 zu den wichtigsten Künstlerinnen und Künstlern der von Herwarth Walden in Berlin initiierten Avantgarde-Bewegung „Der Sturm“. Die nun in Kooperation mit dem Kunstmuseum Den Haag, der Kunsthalle Bielefeld und den Museen Stade erarbeitete Ausstellung «Jacoba van Heemskerck. Kompromisslos modern» ist die erste Einzelausstellung der niederländischen Künstlerin in Deutschland seit fast vierzig Jahren. 

Rhythmische Kompositionen des Bildraums, schwarze Umrisslinien und ein intensiver Farbeinsatz prägen die expressiven Landschafts-, Stadt- und Hafenmotive der Niederländerin. Darüber hinaus sucht sie die Erfahrung von Transzendenz in organisch-fließenden „Ur-Elementen“ sichtbar zu machen. Ihre packende Holzschnitte zieren häufig die Titelseiten eines der bedeutendsten expressionistischen Magazine: „Der Sturm“, publiziert vom Berliner Galeristen und Visionär Herwarth Walden.

Wie viele ihrer Zeitgenossen war auch Jacoba van Heemskerck von den bahnbrechenden Entdeckungen der damaligen Forschung zutiefst fasziniert. Mit dem Wissen um elektromagnetische Wellen, Radioaktivität, Einsteins Relativitätstheorie oder neuesten Erkenntnissen der Biologie wurde offensichtlich, dass bisher nur ein kleiner Ausschnitt der Welt sicht- und messbar war und tatsächlich als erforscht gelten konnte. Wie etwa Piet Mondrian oder Wassily Kandinsky, der wie sie dem Sturm angehörte, interessierte sie sich für Theosophie und Anthroposophie. Sie strebt an, mit ihrer Kunst das All-Eins-Sein der Natur und des Kosmos und eine hinter der äußeren, sichtbaren Natur liegende geistige Welt zu veranschaulichen. Van Heemskerck entwirft diese als eine Welt aus Licht, Energie, Farben und Formen, die von einer Verbindung allen Lebens zeugt. Die zunehmende Transparenz und Leuchtkraft ihrer Bilder münden folgerichtig in der Hinwendung zur Glaskunst.

In van Heemskercks Werken scheint damit ein damals weit verbreitetes Weltbild auf, das einen reinen Positivismus für überholt hält. Heute, wo wir unter anderen Vorzeichen  gefordert sind, die komplexen Zusammenhänge in der Welt als Ganzes zu sehen, erscheint ihr gegen einen Materialismus gerichtetes Verständnis der Natur und des Kosmos wieder als höchst aktuell.

Erst in jüngerer Zeit wurde van Heemskerck in der Ausstellung „Sturm-Frauen“ der Schirn Kunsthalle Frankfurt 2015/16 wieder als zentrale Figur von Waldens einflussreichen Avantgarde-Forum sichtbar. Nach Präsentationen in Bielefeld und Stade ist die Ausstellung im Edwin Scharff Museum Neu-Ulm die letzte Gelegenheit und einzige Möglichkeit im süddeutschen Raum diese kompromisslose Künstlerin der Moderne und eine zentrale Figur im Netzwerk der internationalen Avantgarde zu entdecken.

Das Edwin Scharff Museum Neu-Ulm zeigt 60 Gemälde, Zeichnungen, Holzschnitte und Glasarbeiten aus allen Schaffensphasen. Die Ausstellung ergänzen neben Raumtexten ein Einführungs-Film zur Künstlerin sowie zahlreiche in der Ausstellung abrufbare Audiotexte. Neben den Vermittlungsformaten wie kunsthistorischen Rundgängen oder literarischen Reisen lässt sich die Ausstellung so auch mit vertieften Informationen individuell erkunden.

Zur Ausstellung ist ein Katalog in deutscher und englischer Sprache zum Preis von 29,90 € im Hirmer Verlag erschienen, gefördert von der Ernst von Siemens Kunststiftung.

Das Ausstellungsprojekt ist eine Kooperation zwischen dem Kunstmuseum Den Haag, den Museen Stade, der Kunsthalle Bielefeld und dem Edwin Scharff Museum Neu-Ulm. Sie steht unter der Schirmherrschaft von Ronald van Roeden, Botschafter des Königreichs der Niederlande in Deutschland.


Öffnungszeiten:
Dienstag - Mittwoch: 13:00 - 17:00 Uhr
Donnerstag - Freitag: 13:00 - 18:00 Uhr
Samstag- Sonntag: 10:00 - 18:00 Uhr
Montag: geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: edwinscharffmuseum.de