Die Urban Art Biennale des Weltkulturerbes Völklinger Hütte ist weltweit eine der größten Werkschauen dieser anarchischen Kunstform jenseits herkömmlicher White Cube-Ästhetik. Seit 2011 wird alle zwei Jahre das gesamte Areal der Völklinger Hütte zum kongenialen Dialogpartner für die Kunst, die sich aus Street Art und Graffiti entwickelt hat. Wegen Corona verschoben von 2021 auf 2022, versammelt die 6. Ausgabe endlich wieder zahlreiche Künstler:innen aus der ganzen Welt in der Völklinger Hütte. 

Drei wesentliche Neuerungen bestimmen dabei die diesjährige Urban Art Biennale: 1. Mehr Arbeiten als je zuvor sind in situ direkt für ihren Präsentationsort entstanden. 2. Anders als in den Vorjahren greifen die Urban Art-Künstler:innen verstärkt die aktuelle Weltsituation auf und arbeiten dezidiert politisch. 3. Erstmals führt der Urban Art-Parcours direkt nach Völklingen hinein und erobert programmatisch den Stadtraum jenseits des Weltkulturerbes.

„Mit dem schon seit Jahrzehnten leerstehenden Gebäude der ehemaligen Röchling-Bank und der nahegelegenen Forbacher Passage, die sonst kaum mehr als ein Durchgangsort im verkehrsberuhigten Innenstadtbereich ist, werden öffentliche Räume durch die Urban Art Biennale komplett neu und wie im Fall des Auto-Tischtennis von Benedetto Bufalino sogar interaktiv erschlossen“, präzisiert Generaldirektor Dr. Ralf Beil das programmatisch Neue und führt weiter aus: „Das Riesenporträt des Urban Art-Künstlers Hendrik Beikirch am Saarstahlgebäude in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof würdigt die Geschichte und die Leistung der Menschen, die einst als „Gastarbeiter“ nach Völklingen kamen und heute schon lange hier ihren Lebensmittelpunkt haben. Die Urban Art Biennale setzt sowohl künstlerisch als auch inhaltlich starke Akzente. Sie bespielt und belebt ungenutzte Gebäude und Stadträume und leistet zugleich einen markanten Beitrag zur kollektiven Erinnerungskultur.“

Insgesamt präsentiert die 6. Urban Art Biennale 2022 rund 100 Arbeiten von 76 Künstler:innen aus 22 Ländern weltweit, von Australien, Brasilien und China bis nach Indonesien, Russland und Spanien. Zu erleben sind Rauminstallationen, Skulpturen, Schablonen-Graffitis, Paste-Ups, Augmented Reality-Applikationen und großflächige Murals. Die Biennale im und um das Weltkulturerbe Völklinger Hütte vereint so alle nur erdenklichen Spielarten der Urban Art.

Versammelt hat all diese Künstler:innen und Arbeiten Frank Krämer, Ausstellungsleiter des Weltkulturerbes Völklinger Hütte und Kurator der Urban Art Biennale: „Das riesige Gelände unseres ehemaligen Eisenwerks bietet zahlreiche auratische Orte – gigantische Maschinen, rostbraue Staubwände und Industrienatur: Alle diese Schauplätze sind geradezu prädestiniert für Urban Art in situ. So hat etwa der Balinese Wild Drawing seine Arbeiten in den Betonnischen einer Kokerei installiert und der Niederländer Daan Rietbergen direkt auf grauen Stahltüren sein schwarzes Mural „Unseen“ aufgebracht.“ 

Frank Krämer zum Gesamtkonzept: „Unser Ziel, das Eisenwerk und die Hüttenstadt mittels Urban Art neu zu verbinden, wird neben der 600 Quadratmeter-Malerei von Beikirch und den französischen Künstlern Katre, Obsolettrismes und Sethone, die die Röchling-Bank in ein Gesamtkunstwerk verwandelt haben, exemplarisch sichtbar beim Pariser Künstlerduo Lek & Sowat, die nicht nur die Glasfassade der Erzhalle mit Schrift-Zeichen bespielen, sondern mit ihrem Klebefoliensatz „May the Bridges I Burn Light the Way“ eben jene Unterführung erhellen, die sonst Werk und Stadt trennt.“

Der in Brasilien lebende Rero, dessen Markenzeichen durchgestrichene Großbuchstaben sind, hat mit seinem Team auf die riesige Staubwand der Völklinger Hütte ein gigantisches „Hell-O-World“ in Weiß aufgebracht. Ob es auch die Möglichkeit eines „Hello World“ in sich birgt, kommt ganz auf die Perspektive der Betrachter:innnen an. Dass die hohe Kunst der Urban Art aus der Ermöglichung von Perspektivwechseln besteht, beweist auch die Arbeit des Kanadiers Roadsworth. Auf dem Dach der Möllerhalle steht in riesiger Hieroglyphenschrift „Defund the War Machine“. Warum ist die Botschaft kaum zu entziffern und nur von der Aussichtsplattform über den Hochöfen überhaupt zu sehen? Offenbar ist es eher eine Botschaft an extraterrestrische Wesen, da sowohl die Geschichte der Völklinger Hütte, in der einst Eisen und Stahl für Granaten und Helme produziert wurden, wie auch unsere Gegenwart massiv dagegensprechen, dass der „War Machine“ global Einhalt geboten wird.

Kurator Frank Krämer: „Künstler wie Roadsworth, Rero oder Ampparito, der eine Karte Europas direkt auf den Wänden der Möllerhalle hat anbringen lassen, scheinen unmittelbar auf die aktuelle Weltsituation zu antworten. Andere Arbeiten wie die durch Nachrichtenbilder illuminierte „The End“-Schrift von Zevs erscheinen nach den jüngsten Ereignissen in einem neuen Licht.“ 

„Die Künstler:innen und uns treibt nicht nur die derzeit alles beherrschende Tagesaktualität des Ukraine-Kriegs um, sondern das drastische Grundrauschen der Menschheit insgesamt, zu vernehmen auch in den derzeit fast vergessenen kriegerischen Auseinandersetzungen Afghanistans, Jemens und Syriens. Schon 2015 hat Ammar Abo Bakr eine sehr bewegende Arbeit zu den Opfern des Jemen-Kriegs in den Kokerei-Ruinen des Paradieses aufgebracht, die weiterhin zu erleben ist — wie zahlreiche andere Urban Art-Inkunabeln“, so Generaldirektor Ralf Beil.


Öffnungszeiten:
Bis 31. Oktober: Täglich 10:00 - 19:00 Uhr
Ab 1. November: Täglich 10:00 - 18:00 Uhr

Weitere Informationen direkt unter: voelklinger-huette.org