In Technologieunternehmen, Universitäten und Künstlerstudios arbeiten Maschinen die Geschichte der Menschheit auf und verinnerlichen diese. Dabei wird das Urheberrecht aufgelöst, die Unterscheidungen zwischen Original, Nachahmung oder minderwertiger Reproduktion verschwinden. Kein Ursprung, keine Verantwortung, keine klare Zuordnung – nur eine Ursuppe, die in jede beliebige Form verwandelt werden kann, ohne Wissenssysteme und Hierarchien in Frage zu stellen. In dieser stillen, aber radikalen Umstrukturierung ganzer Branchen werden Künstler*Innen zur Schablone einer Zukunft, die digital aus einer Vielzahl von Fragmenten der Vergangenheit zusammengesetzt wird.

Im experimentellen Film Hysteresis verschmelzen Seidels analoge Zeichnungen und deren digitale Bearbeitung mit der Performance der queeren Tänzerin Tsuki, die Bewegungen zwischen Ballett, Butoh und Berliner Clubkultur improvisiert. In einem Fusionsprozess wird ihr Bild aufgenommen, durch Seidels Geräte zurückgespielt und anschließend auf ihren Körper projiziert. In einem letzten Schritt werden die Aufnahmen durch unterschiedliche Ansätze Maschinellen Lernens bearbeitet und in einen konstanten Fluss pulsierender Bilder und gefalteter räumlicher Konfigurationen aufgelöst. Die daraus resultierenden Muybridge’schen Silhouetten, barocken Texturen und berstenden malerischen Strukturen fluktuieren zwischen der zweiten und dritten Dimension und entfalten freischwebende Gesten, welche die Gesetze der Natur aus den Angeln heben. Gleichzeitig erlauben zarte Abreibungen an den Bildrändern einen nicht immer widerspruchsfreien Brückenschlag in die Realität. Der Soundtrack von Oval (Markus Popp) untergräbt unaufhörlich dieses Netz konkreter Assoziationen und droht, die verbleibenden fragilen Bezugspunkte aufzulösen.

In einer Zeit, in der uns allen eine übermächtige Vorhersehbarkeit aufgezwungen wird, feiert der Film die Störung der Mustererkennung und die künstlerische Zersetzung der Ergebnisse, die durch Künstliche Intelligenz, insbesondere Maschinelles Lernen, herbeigeführt werden. Mit Hysteresis beschreitet Seidel neue Wege in seiner experimentellen Praxis und Kollaboration. Er enthüllt eine frenetische, zarte und extravagante visuelle Sprache, welche die Hysterie und Hysterese in diesem historischen Moment beschreibt. Der Künstler möchte einen Diskurs über diese einzigartigen Möglichkeiten der KI-Gestaltung eröffnen – mit Implikationen über den Film und andere Medien hinaus, bis hin zu jener Singularität, in der die Geschichte zu einem einzigen Punkt in der Gegenwart zusammenbricht.

Auf die Freiheit des digitalen Filmemachens jenseits des (kommerziellen) Hyperrealismus!

Robert Seidel, 1977 in Jena geboren, lebt in Berlin

Die Projektionen, Installationen und Experimentalfilme des Künstlers wurden auf zahlreichen internationalen Festivals, in Galerien und in Museen wie dem Palais des Beaux-Arts Lille, ZKM Karlsruhe, Art Center Nabi Seoul, Young Projects Los Angeles, Museum of Image and Sound São Paulo und MOCA Taipeh gezeigt. Die Arbeiten wurden mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet, etwa dem Ehrenpreis der KunstFilmBiennale und dem Visual Music Award Frankfurt.

Robert Seidel ist an der Grenzerweiterung von abstrahierter Schönheit durch kinematographische, technologische und wissenschaftliche Ansätze und deren emotionaler Wirkung interessiert. Im organischen Zusammenspiel verschiedener struktureller, räumlicher und zeitlicher Konzepte erzeugt er eine sich ständig transformierende Komplexität. Deren mehrfach facettierte Perspektive bildet das narrative Grundgerüst, welches die Betrachter*Innen auf einer evolutionär entstandenen und phylogenetisch verankerten symbolischen Ebene anspricht.