Die Alexander Tutsek-Stiftung eröfnet einen zweiten Kunstraum – und feiert damit zugleich ihr zwanzigjähriges Jubiläum. In der neuen BlackBox in der Parkstadt Schwabing und an ihrem Stammsitz, der Villa im Herzen Schwabings, lädt sie zu ihrer neuen Ausstellung ein. WIDE OPEN. INS OFFENE zeigt an beiden Orten gleichzeitig hundert Arbeiten von über dreißig Künstler*innen unterschiedlicher geografischer und kultureller Herkunft aus Südafrika, Iran, China, Kuba, den USA und vielen europäischen Ländern. Darunter sind nicht nur international renommierte, sondern auch überraschende junge Positionen. Dem Sammlungskonzept der Stiftung entsprechend, handelt es sich um zeitgenössische Fotografien und Skulpturen aus dem Werkstoff Glas, die mit wenigen Ausnahmen alle für diese Schau erworben wurden.

WIDE OPEN. INS OFFENE: Was ist mit dem Titel der Ausstellung gemeint? Das „Offene“ wird verstanden als ein Feld der Energien, als Raum ohne Limitierungen und Zwänge. In dieses Offene laden uns die Werke der Künstler*innen ein, die mit ihren Bildern und Geschichten, Erfindungen und Experimenten, ihren Vorstellungen und Visionen die Begrenzungen des Denkens und Fühlens sprengen. Sie öffnen weit den Blick, lassen uns hinaustreten und über den Zaun schauen, um sich dem eigenen Selbst zu öffnen sowie dem Anderen - und um das Unmögliche zu denken. Die Werke arbeiten sich ab am emotionalen, politischen, sozialen und ökologischen Zustand der Welt und eröffnen so ein weites Feld, um über die Bedingungen eines menschlicheren Lebens nachzudenken.

Der Fülle der Arbeiten und der unterschiedlichen künstlerischen Praktiken ist eines gemeinsam: ihre Auseinandersetzung mit fundamentalen Themen unserer Zeit. Spezifische Felder werden durch vier „Linsen“ schärfer beleuchtet, die selbst wieder eine Tür ins Offene aufstoßen: I Das Elementare. II Sphären des Humanen. III Emotion und Sexualität. IV Spirituelle Dimensionen.

I Das Elementare
Hier werden die existentiellen Lebensgrundlagen verhandelt. Im Offenen kann eine neue Ethik im Umgang mit der Natur entstehen, mit den Tieren, den Wäldern, den Ozeanen. Hier ist Raum, mit der Natur zu sprechen, ihre Zeichen zu verstehen, um sie zu schützen und zu bewahren. Dazu gehören die Bilder der unversehrten Natur von Jiang Pengyi (*1977, China), der Beschwörung des Regens von Robin Rhode (*1976, Südafrika), der dystopischen Orte von Julian Charriére (*1987, Schweiz) oder des Kommentars zum Klimawandel aus Glas von Laure Prouvost (*1978, Frankreich).

II Sphären des Humanen
Im Offenen konstituieren sich Modelle von Menschlichkeit, Räume, in denen Gelassenheit, Gemeinschaft, Gastfreundschaft und wechselseitige Empathie wohnen. Im Offenen siedeln die Visionen gesellschaftlichen Zusammenlebens – gegen die „Logik des Einzäunens”. Der große Tisch aus Glas von Carlos Garaicoa (*1967, Kuba) lädt in aller Fragilität ein zum Reden, zu friedlichem Austausch. Die Unwirtlichkeit und Tristesse des urbanen Raumes, in dem soziale Beziehungen und die Natur verkümmern, kommen in den Photographien von Jitka Hanzlová (*1958, Tschechien) zum Ausdruck, die Missachtung der Freiheit der Rede und des Denkens in den übermalten tibetanischen Gesichtern von Gao Bo (*1964, China), die „unnachahmliche Menschlichkeit“ der Vater-Sohn-Beziehung in den Video stills von Cao Fei (*1978, China).

III Emotion und Sexualität
Im Offenen werden Lebensmodelle, Geschlechterrollen und Beziehungsformen zur Disposition gestellt. Das traditionelle Verhältnis der Geschlechter wird nicht mehr akzeptiert, und in spielerischen Inszenierungen verkehren sich die Gender-Rollen von Mann und Frau. Frida Orupabo (*1986, Norwegen) bringt rassistisches Denken und post-koloniale Wahrnehmungsweisen ans Licht und dekonstruiert sie. Widerstand und Alternativen zu konventionellen Normen von Lebensstil und Schönheitsidealen, Rebellion und Subkultur manifestieren sich in den Portraits von Luo Yang (*1984, China) und Liao Pixy (*1979, China). Die Skulpturen von Monica Bonvicini (*1965, Italien) provozieren das überdenken von Genderrollen und subtilen Mechanismen der Macht, wie sie sich in Lust und Gewalt, in Begehren und Unterwerfung ausdrücken.

IV Spirituelle Dimensionen
Das Offene lädt ein, die Grenzen des Verstehens zu überschreiten. Dahinter liegen die Orte, an denen Erfahrung sich der rationalen Durchdringung widersetzt. So scheint sich der Körper aus Glas und glänzend poliertem Stahl von Shirazeh Houshiary (*1955, Iran) in seiner dynamischen Struktur zu bewegen und sich „beflügelt“ vom Boden zu erheben. Wie eine Metapher des fließenden Lichts erscheint die goldfarbene Wandarbeit aus Glas der amerikanischen Künstlerin Ursula von Rydingsvard, (*1942, Deutschland). Der Kreislauf von Sterben, Tod und neuem Leben wird ins Bewusstsein gebracht in den Arbeiten von Kiki Smith (*1954, Deutschland) und Jiang Zhi (*1971, China), aber mit der Skulptur von Alicja Kwade (*1979, Polen) auch die Ordnung der Dinge, die Kausalitäten des unendlichen Raumes des Universums.

So ist WIDE OPEN. INS OFFENE eine Einladung in die Unbegrenztheit der Assoziationen und Ideen der präsentierten Arbeiten. Die Besucher*innen erwarten Expeditionen in weite, unberührte Landschaften und in die Wüsten der Zivilisation, in das Universum und in jenseitige Welten. Sie betreten Orte der Freiheit des Geistes und der Vielfalt kultureller Lebensformen, der Gemeinschaft und Gastfreundschaft, der Anerkennung der Bedeutung von Sprache und Zugehörigkeit, der friedlichen Koexistenz von Natur und Mensch. Diese existentiellen Themen der Arbeiten der Ausstellung entfalten im Kontext zeitgenössischer Realitäten eine besondere Kraft.


Öffnungszeiten:
Dienstag - Freitag: 14:00 - 18:00 Uhr
Feiertags: geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: atstiftung.de

Shirazeh Houshiary Alar, 2016-2017 Glas, hochglanzpolierter Edelstahl 145 x 118 x 118 cm ? Shirazeh Houshiary / VG Bild-Kunst, Bonn 2022 Courtesy Alexander Tutsek-Stiftung Foto: Marion Vogel
12.11.2021 - 24.06.2022

Wide open. Ins Offene. Zeitgenössische Fotografie & Skulptur aus Glas

Alexander Tutsek-Stiftung | Villa

Karl-Theodor-Str. 27
80803 München