Als eine der wichtigsten Maler*innen der klassischen Moderne in Deutschland kennt man heute die Künstlerin Paula Modersohn-Becker. Diesen Stellenwert hatte sie zu Lebzeiten nicht. Inspiriert wurde sie von anderen Maler*innen ihrer Zeit, unter anderem von Maurice Denis und Paul Cézanne, aber auch von den Alten Meistern wie Lucas Cranach. Dennoch entwickelte sie eine ganz eigene Formensprache, welcher sie entgegen aller Kritik immer treu blieb. Dies macht sie zu einer wegweisenden Künstlerin.

»Auch wenn es im heutigen Ausstellungsbetrieb für Künstlerinnen immer noch herausfordernd ist, sich durchzusetzen, so hatten es Wegweiserinnen in früheren Zeiten ungleich schwerer. Ein Beispiel dafür ist die 1907 jung verstorbene Malerin Paula Modersohn-Becker.«, erklärt die Ministerin für Familie, Frauen, Kultur und Integration sowie Stellvertretende Ministerpräsidentin des Landes Rheinland-Pfalz, Katharina Binz. »Erst heute sehen wir, wie weit voraus Paula Modersohn-Becker ihrer Zeit war.«

»Am Wendepunkt zur Moderne schulte Modersohn-Becker ihr Auge an den Altmeistern von Gotik bis Barock, in der norddeutschen Künstlerkolonie Worpswede wandte sie sich dann der Natur in Form von Landschaften, wie auch der Natürlichkeit des menschlichen Körpers zu.«, stellt die Kommissarische Leiterin des Arp Museums Bahnhof Rolandseck, Petra Spielmann, heraus. »Diese Schwerpunkte werden in unserer Ausstellung in Rolandseck aufgegriffen. Möglich ist dies durch unsere Kooperation mit den Museen Böttcherstraße in Bremen, die nicht nur Modersohn-Beckers Werke zur Ausstellung beitragen, sondern auch Meisterwerke von Cranach, Riemenschneider und Hoetger. Mein herzlicher Dank für die großzügige Leihgabe geht an den dortigen Direktor Dr. Frank Schmidt wie auch an die PaulaModersohn-Becker-Stiftung und an UNICEF für die seit 2009 bestehende Dauerleihgabe der Sammlung Rau.«

Hierzu ergänzt Christian Schneider, Geschäftsführer von UNICEF Deutschland: »Gustav Rau war ein besonderer Mensch. Er hatte ein unglaubliches Gespür für großartige Kunst – und er wollte mit seinem Vermächtnis den Ärmsten helfen. Gemeinsam mit dem Arp Museum machen wir die Schätze seiner Sammelleidenschaft für die Öffentlichkeit zugänglich. Nun wird die Kunstkammer Rau durch Werke von Paula Modersohn-Becker angereichert. Gustav Rau, der ihre Kunst sehr schätzte, würde dies sicher ungemein gefallen. Ihn verbindet mit der Malerin die Liebe zu den Menschen in ihrer ganzen Vielfalt, in ihrer Größe und Einfachheit.«

Über die Ausstellung
»Worpswede, Worpswede. Du liegst mir immer im Sinn. … Deine Birken, die zarten, schlanken Jungfrauen, die das Auge erfassen. Mit jener schlappen, träumerischen Grazie, als ob ihnen das Leben noch nicht aufgegangen sei [...] Einige sind auch schon ganz männlich, kühn, mit starkem, geradem knorrigen Stamm. Das sind meine modernen Frauen.«
Paula Modersohn-Becker, Tagebuch, Worpswede, 24. Juli 1897

In der Kunstkammer Rau findet dieses Jahr ein Sammlungstreffen der besonderen Art statt. 35 Gemälde, Grafiken und Skulpturen der Sammlung Roselius aus den Museen Böttcherstrasse, Bremen und vier Werke der Paula-Modersohn-Becker Stiftung treten in Dialog mit 20 Highlights der Sammlung Rau für UNICEF und drei ausdrucksstarken Arbeiten der zeitgenössischen belgischen Künstlerin Berlinde De Bruyckere. So bildet sich ein energetisches Kraftfeld rund um die Ausnahmekünstlerin Paula Modersohn-Becker, die eine der zentralen Figuren im Themenjahr der »Wegweiserinnen« am Arp Museum Bahnhof Rolandseck ist. Wie unter einem Brennglas lassen sich am Beispiel Paula Modersohn-Beckers bahnbrechende Veränderungen in der Gesellschaft und Kunst um 1900 beobachten. Entschlossen »geradeaus malend« verfolgte sie ihre künstlerische und menschliche Entwicklung.
»Modersohn-Becker strebte nach der großen Einfachheit der Form. Kritik und Unverständnis an ihrem Werk hinderten sie nicht, ihren eingeschlagenen Weg unbeirrt weiterzuverfolgen.«, stellt die Ausstellungskuratorin Dr. Susanne Blöcker fest. »Sie nahm sich die Natur als Vorbild und erkundete in ihrer Malerei lebenslang die natürlichen Landschaften des Körpers. Sie waren für sie Teil der Natur wie die Birken von Worpswede, mit denen sie sie verglich, mal kraftvoll zeichnerisch, mal in satten Farben festgehalten.«

Die Ausstellung wendet sich den Themen zu, die in Modersohn-Beckers Schaffen beständig von Bedeutung waren: dem menschlichen Körper, der Natur und parallel der Suche nach dem Wesentlichen, Einfachen, Großen in den Dingen. So gestaltet sich der Parcours durch die Ausstellung als Rundgang durch drei Räume: »Das Atelier« bietet den Einstieg in die Modersohn-Becker-Schau mit den Porträts der Künstlerin sowie ihren künstlerischen Vorbildern und Zeitgenoss*innen. Dem folgt der Raum »Unter die Haut«, der ihren Menschenbildern gewidmet ist. Im letzten Raum der Ausstellung lernen Besucher*innen die »Kraft der Stille« in den Landschaften und Stillleben Modersohn-Beckers kennen.

Das Atelier
Die Besucher*innen betreten zunächst einen Raum, der in seiner Farbgebung und Werkauswahl dem »Lilienatelier« der Künstlerin in Worpswede nachempfunden ist. Ein Großteil ihrer Werke hat diesen Ort nie verlassen – insbesondere die Porträts, mit denen die Malerin sich und ihre Umwelt hinterfragte – so auch Modersohn-Beckers berühmtes Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag (1906). Auch frühe Werke, die während ihres Studiums entstanden und ihre Entwicklung als Künstlerin veranschaulichen, finden sich hier wie das Brustbild einer Frau mit Mohnblumen (um 1898). Anregungen fand die Künstlerin bei den Alten Meistern in den Museen, aber auch bei ihren Zeitgenoss*innen in Galerien und Privatsammlungen. Exemplarisch sind diese hier präsent, wie etwa das Bildnis der Katharina von Bora (1529) von Lucas Cranach oder die Frau mit Rose von Auguste Renoir (1876).

Unter die Haut
Im Ausstellungsteil »Unter die Haut« stehen spektakuläre, zum Teil lebensgroße Aktdarstellungen Modersohn-Beckers im Zentrum. Viele entstanden schon während ihres Studiums. Doch noch Jahre später griff sie immer wieder auf diese zurück und verarbeitete sie zu eindrucksvollen Leinwandbildern, die die Natürlichkeit des Körpers betonen – die »große Einfachheit der Form«, wie sie es nannte. Paula Modersohn-Becker widmete sich dabei dem Menschen in allen Stadien des Lebens: vom Kind zur Frau und Mutter, von der Jugend zum Alter. Dabei reflektiert sie den Menschen immer mutig und ungeschönt, und feiert damit Natur und Natürlichkeit. So malte sie auch die Alte Armenhäuslerin im Garten mit Glaskugel und Mohnblumen (1907), eines ihrer letzten Gemälde. Sie verleiht der alten abgearbeiteten Frau eine überzeitliche, sakrale Größe und Würde, die Personen ihres Standes – am Rande der Gesellschaft – üblicherweise nicht zugestanden wurde.

Die Kraft der Stille
Im dritten Themenbereich »Die Kraft der Stille« erscheinen die Landschaften und Stillleben Paula Modersohn-Beckers, deren Motive sie in der Weite der Moorlandschaft Worpswedes und in der alltäglichen Schönheit der Dinge fand. Daneben studierte Modersohn-Becker intensiv die lichtvollen Gemälde der Spät-Impressionisten und Nabis, deren Werke gekennzeichnet waren durch den Einfluss japanischer Kunst. Insbesondere Maurice Denis war ein großer Impulsgeber für Paula Modersohn-Becker, dessen Kompositionen Fläche, Form und symbolhafte Farbigkeit betonten und neuartige Landschaftsbilder entstehen ließen. Dr. Susanne Blöcker erzählt: »Einzigartig modern und richtungsweisend ist der Blick Paula Modersohn-Beckers auf die Natur. Denn unter ihrer Regie gewinnt sie geradezu menschliche Dimensionen. Im Geflecht der Birkenwälder verschmelzen Mensch und Natur harmonisch miteinander, ist der eine Teil des anderen.«

Kennzeichnend für die Künstlerin war ihre tiefe Verbundenheit mit der Natur, die sich in ihrer Kunst widerspiegelt. Natürlichkeit war ihr oberstes Gebot – ob nun im Akt oder im Blick in die Landschaft. Nicht mahnend, sondern liebend suchte sie den Einklang und Gleichklang mit den Dingen und schilderte den Menschen als Teil der Natur, mit ihr verwoben und von ihr abhängig.