Wer die Gegenwart verstehen will, muss deren Sprache erlernen. Verfolgt man den Wandel der Medienlandschaft und stellt sich den politischen und ökonomischen Herausforderungen einer zunehmend globalisierten Welt, so wird schnell deutlich, dass unser vertrautes Vokabular die jetztigen Realitäten nicht mehr zureichend erfasst. 

L O war das allererste Wort, das 1969 von der University of California in Los Angeles an das Stanford Research Institute digital übermittelt wurde. Es sollte Login heißen, doch nach den ersten beiden Buchstaben stürzte das System ab. Hingegen hat sich die Abkürzung Lol aus dem Netzjargon fest in der Jugendsprache etabliert. Laughing out loud steht für eine emotionale Reaktion auf etwas Amüsantes, Außergewöhnliches und zeigt wie sehr sich Kodifizierungen in unserem täglichen Sprachgebrauch verankert haben. 

Zwischen den ersten Versuchen Informationen über Computer auszutauschen und den heutigen Sprachcodes liegen nur fünfzig Jahre. Somit verdeutlichen LO und lol sowohl die enorme Geschwindigkeit der digitalen Transformation als auch den prägenden Einfluss auf unser Kommunikationsverhalten. Insbesondere durch den Fokus auf Digitalisierungs-maßnahmen in der Corona-Pandemie hat sich der Strukturwandel in den letzten zwei Jahren beschleunigt. Trotz Kontaktbeschränkung durch digitale Teilhabe im Austausch bleiben:­ neue Slangwörter, Emojis, Memes und Akronyme sind zum festen Bestandteil unserer global vernetzenden Interaktion geworden. Indem sich die digital body language in unser online-Verhalten einschreibt, können Algorithmen Rückschlüsse auf unsere Bedürfnisse, Wünsche und Intentionen ziehen. Unsere digitale Körpersprache wird analysiert, bewertet und bewusst durch eine zunehmende Ökonomie der Aufmerksamkeit als zeitlich begrenzte Ressource genutzt. 

Das Projekt LO(L) – Embodied Language vereint unterschiedliche künstlerische Ansätze in großformatigen Text-, Sound- und Videoinstallationen und untersucht, wie Sprache, Schrift, Bilder und Töne uns digital in Echtzeit miteinander verbinden und unsere Lebens- und Arbeitswelten durchdringen. Christine Sun Kim und Thomas Mader zeigen im Kunsthaus Hamburg die zweiteilige Arbeit Find Face, 2021 die durch Mimik ein Bewusstsein fu?r technohumane Bedingungen einer barrierefreien Kommunikation schafft. Virtuelles gewinnt in Barbara Kapustas Installationen Körperlichkeit und gleichzeitig entpuppen sich Sprache, Text und Schrift als sinnliche anthropomorphe Motive, die sich in Ra?ume einschreiben, wie ihre für die Ausstellung entwickelte großformatige Wandarbeit zeigt. Während Thomas Hirschhorn in seiner Posterserie I-nfluencer, 2021 mit zahlreichen Followern als „Möchtegern-Influencer“ Position bezieht, steht Kommunikation als soziale Praxis im Mittelpunkt des Schaffens von Nontsikelelo Mutiti. Digitalität bezieht sie durch manuelle Techniken sowie computergestu?tzte und fotografische Prozesse in ihre Wandschriften mit ein. So werden neue Entwicklungen der Informations- und Kommunikationstechnologie als auch die damit einhergehenden Herausforderungen und Chancen in der Gruppenausstellung kritisch diskutiert.

Gerry Bibby, Thomas Hirschhorn, Christiane Sun Kim & Thomas Mader, Nontsikelelo Mutiti, Barbara Kapusta, Katja Pilipenko, Émilie Pitoiset, Nora Turato 


Ausstellungsrundgänge:
Wir bitten um Anmeldung unter [email protected]
Mittwoch, 16. März 2022, 18:00 Uhr
Sonntag, 3. April 2022, 16:00 Uhr
Mittwoch, 13. April 2022, 18:00 Uhr